Wie Halberstadts jüdische Geschichte systematisch aus dem Gedächtnis gelöscht wurde
Katarina OrtmannWie Halberstadts jüdische Geschichte systematisch aus dem Gedächtnis gelöscht wurde
Ein neues Buch des Historikers Philipp Graf untersucht die getilgte Geschichte der jüdischen Gemeinde Halberstadts. In „Verweigerte Erinnerung“ deckt er auf, wie die nationalsozialistische Verfolgung und spätere DDR-Politik das einst blühende neo-orthodoxe Zentrum der Stadt aus dem kollektiven Gedächtnis löschten. Anhand von Archiven, Interviews und Literatur rekonstruiert Graf das gezielte Vergessen einer Gemeinschaft, die 1938 zerstört und in den folgenden Jahrzehnten ignoriert wurde.
Die Zerstörung der Halberstädter Synagoge 1938 markierte den Beginn der Vernichtung des jüdischen Lebens in der Stadt. Unter der NS-Herrschaft wurde die Gemeinde systematisch ausgelöscht. Nach dem Krieg versagte selbst die antifaschistische Rhetorik der DDR bei der Aufarbeitung dieses Verlusts – die Erinnerung daran verblasste zusehends.
In der Nähe entwickelte sich das ehemalige Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge zu einem Ort umkämpfter Erinnerung. Ein 1949 errichtetes Mahnmal ehrte zwar die Opfer von Zwangsarbeit, doch bereits 1969 wurde es zu einer politischen Versammlungsstätte umgebaut – direkt über den Gräbern der Häftlinge. Gleichzeitig nutzte die DDR die unterirdischen Stollensysteme des Lagers ab den 1970er-Jahren als Militärdepot für die Nationalen Volksarmee.
Grafs Recherchen zeigen, wie jüdische Stimmen selektiv zum Schweigen gebracht wurden. Die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati, die sich 1952 in Ost-Berlin niederließ, nahm dort drei Schallplatten auf, bevor sie nach dem Sechstagekrieg 1967 aus dem Rundfunkprogramm gestrichen wurde. Romane der Holocaust-Überlebenden Peter Edel und Jurek Becker erschienen zwar 1969, doch ihre Wirkung blieb durch staatlich gelenkte Erzählungen begrenzt.
Das Buch argumentiert, dass sowohl rechtsextremer als auch linksautoritärer Antisemitismus in Deutschland fortbestanden. Graf betont, dass die Mittel zur Bekämpfung dieser Ideologien bereits 1949 und 1989 vorhanden waren – doch nie konsequent eingesetzt wurden.
Grafs Arbeit legt eine Geschichte frei, die von zwei Regimen bewusst verdrängt wurde. Die Umgestaltung des Mahnmals, die militärische Zweckentfremdung der Lagerstollen und die Unterdrückung jüdischer Künstlerinnen verweisen auf ein Erbe der Verleugnung. „Verweigerte Erinnerung“* fordert eine schonungslose Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit – gestützt auf Beweise, die lange übersehen wurden.






