Pharma-Industrie und Krankenkassen liefern sich erbitterten Streit über Europas Arzneimittelversorgung
Franka KallertPharma-Industrie und Krankenkassen liefern sich erbitterten Streit über Europas Arzneimittelversorgung
Heftige Debatte auf Handelsblatt-Jahrestagung: Pharmaindustrie und Krankenkassen streiten über Arzneimittelversorgung in Europa
Auf der Jahreskonferenz des Handelsblatts entbrannte eine hitzige Diskussion zwischen Führungsvertretern der Pharmabranche und Krankenversicherern über die Widerstandsfähigkeit der europäischen Arzneimittelversorgung. Während Industrievertreter vor einer zu starken Abhängigkeit von Drittstaaten warnten, verteidigten die Kassen die aktuellen Lagerbestände als ausreichend. Der Schlagabtausch offenbarten tiefe Gräben in der Frage, wie die künftige Versorgung mit Medikamenten gesichert werden soll.
Den Auftakt der Kontroverse markierten scharfe Kritikpunkte seitens der Industrie. Thomas Weigold, Deutschlandchef von Sandoz/Hexal, bezeichnete das geplante Freihandelsabkommen mit Indien als "absurd". Solche Vereinbarungen untergrüben seiner Meinung nach Europas Fähigkeit, lebenswichtige Generika eigenständig herzustellen. Eine gegensätzliche Position vertrat Tim Steimle, Pharma-Vorstand der Techniker Krankenkasse, der das Abkommen befürwortete und betonte, das von der Regierung gesetzte Ziel eines sechsmonatigen Lagerbestands sei nach der Prüfung von 47 Prozent der Lieferkette bereits erreicht worden.
Dr. Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI), wies Vorratshaltung für Generika-Hersteller als undurchführbar zurück. Er forderte, dass die Gesundheitspolitik stärker mit industriellen und sicherheitspolitischen Prioritäten verzahnt werden müsse, und warnte, Europa habe seine Verwundbarkeiten unterschätzt. Kerem Inanc, Geschäftsführer von Alliance Healthcare Deutschland, pflichtete ihm bei und nannte die sechsmonatige Reserve unzureichend. Statt auf willkürlich gesetzte Ziele zu vertrauen, müssten Politiker klare Krisenszenarien definieren.
Die Krankenkassen wiesen die Warnungen der Industrie zurück. Steimle verwies darauf, dass Rabattverträge zunehmend in umfassendere Versorgungsvereinbarungen überführt worden seien – räumte jedoch ein, dass Kinderarzneimittel weiterhin eine Lücke darstellten. Weigold und Joachimsen betonten unterdessen die Dringlichkeit von Investitionen in die lokale Produktion. Beide argumentierten, die Verringerung der Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten – insbesondere bei Antibiotika und Generika – sei entscheidend für die langfristige Sicherheit.
Die Debatte endete ohne Einigung und ließ die Frage nach der Resilienz der europäischen Arzneimittelversorgung unbeantwortet.
Die Konferenz legte einen klaren Dissens zwischen Versicherern und Herstellern offen, wie die Arzneimittelversorgung gesichert werden soll. Während die Kassen auf bestehende Lagerbestände als Beleg für ihre Vorbereitung verweisen, fordern Branchenvertreter mehr Eigenständigkeit durch Investitionen und politische Weichenstellungen. Wie dieser Konflikt gelöst wird, wird maßgeblich darüber entscheiden, wie gut Europa auf künftige Engpässe reagieren kann.






