Historiker Möller warnt vor oberflächlichen Geschichtsvergleichen in der Politik
Klaas BarthHistoriker Möller warnt vor oberflächlichen Geschichtsvergleichen in der Politik
Der Historiker Horst Möller warnt vor voreiligen historischen Vergleichen in politischen Debatten. Aktuelle Beispiele sind Gleichsetzungen der deutschen Regierung mit dem SED-Regime der DDR, Wladimir Putins mit Adolf Hitler oder der Kritik an Corona-Maßnahmen mit dem Widerstand der Sophie Scholl. Möller argumentiert, dass solche Parallelen komplexe Geschehnisse oft vereinfachen und den größeren Kontext außer Acht lassen.
Möller betont, wie Medien häufig provokante historische Bezüge nutzen. Das Magazin Stern zeigte etwa Donald Trump auf dem Titelblatt mit Hitlergruß und der Schlagzeile „Sein Kampf“ – eine direkte Anspielung auf Hitlers „Mein Kampf“. Auch der Spiegel inszenierte Trump in extremen Bildern, etwa als Komet, der auf die Erde zurast, oder mit dem abgetrennten Kopf der Freiheitsstatue in der Hand.
Der Historiker unterstreicht, dass fundierte Vergleiche ganze historische Epochen berücksichtigen müssen, nicht nur isolierte Momente. Der Untergang der Weimarer Republik vollzog sich über zwölf Jahre, während sich die Herausforderungen der Bundesrepublik über 76 Jahre entwickelten. Die Schwächung der gemäßigteren Parteien verlief im letzteren Fall langsamer – ein Beleg dafür, wie unterschiedlich Krisen in Ausmaß und Dauer sein können.
Möller lehnt auch die Bezeichnung der AfD als „faschistische“ Partei ab. Der Begriff „Faschismus“ sei mittlerweile zu einer unscharfen politischen Vokabel verkommen, und der AfD fehlen zentrale Merkmale wie etwa ein Führerkult. Zwar räumt er Ähnlichkeiten zwischen der Weimarer Zeit und dem heutigen Deutschland ein – beide durchlaufen Entwicklungs-krisen –, doch seien die Rahmenbedingungen grundverschieden.
Zudem weist er darauf hin, dass die Weimarer Republik mit ihrer Instabilität kein Einzelfall war. Nach dem Ersten Weltkrieg kämpften alle europäischen Demokratien um ihr Überleben, doch nur einige scheiterten. Möller warnt davor, historische Parallelen zu früh zu ziehen, da dies langfristige Folgen übersehen könne.
Möllers Analyse legt nahe, dass historische Vergleiche in der öffentlichen Debatte oft an Tiefe mangeln. Er mahnt zur Vorsicht und betont, dass nur eine umfassende historische Perspektive sinnvolle Bezüge ermöglicht. Seine Äußerungen fallen in eine Zeit, in der politische Rhetorik zunehmend vergangene Regime heranzieht, um aktuelle Konflikte zu deuten.






