Hilfsorganisationen fordern radikale Wende in der deutschen Entwicklungspolitik
Claudius StadelmannHilfsorganisationen fordern radikale Wende in der deutschen Entwicklungspolitik
Zwei führende deutsche Hilfsorganisationen fordern grundlegende Reformen der Entwicklungspolitik des Landes. Welthungerhilfe und Terre des Hommes stellten am Mittwoch ihre jährliche Bewertung vor und wiesen dabei auf gravierende Lücken in den aktuellen Strategien hin. Sie riefen die Bundesregierung auf, die Mittel für humanitäre Hilfe aufzustocken und lokale Akteure stärker in Entscheidungsprozesse einzubinden.
Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe, und Joshua Hofert, Generalsekretär von Terre des Hommes, skizzierten in Berlin ihre Bedenken. Zwar begrüßten sie jüngste Bemühungen, die Entwicklungspolitik neu auszurichten, warnten jedoch, dass den Reformplänen eine klare Strategie fehle. Die Nichtregierungsorganisationen betonten, dass die Zivilgesellschaft in Deutschland und den Partnerländern eine zentrale Rolle bei der Gestaltung künftiger Politiken spielen müsse.
Die Organisationen verwiesen auf wachsende Herausforderungen in der Entwicklungszusammenarbeit, die durch Kriege, den Klimawandel und sich verschärfende globale Krisen angetrieben werden. Mogge unterstrich die Notwendigkeit, die humanitäre Hilfe auszubauen – mit einem Fokus auf Prävention statt nur auf die Bewältigung akuter Notlagen. Zudem forderte er weniger Bürokratie und mehr Unabhängigkeit für zivilgesellschaftliche Gruppen, um die Wirksamkeit und Neutralität der Hilfe zu gewährleisten.
Hofert argumentierte, dass Reformen nicht allein aus Berlin gesteuert werden dürften. Partnerländer, lokale Zivilgesellschaft und junge Menschen müssten verbindlich mitbestimmen, wie die Zusammenarbeit gestaltet wird. Die NGOs betonten zudem, dass wirtschaftliche Partnerschaften nur dann funktionieren können, wenn sie sich an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort orientieren – und nicht allein an deutschen Interessen.
Kürzungen im Haushalt verschärfen die Probleme zusätzlich. Seit 2022 wurde das Budget für Entwicklungszusammenarbeit um ein Drittel gekürzt, bis 2027 sind weitere Einschnitte zu erwarten. Um die Finanzlücke zu schließen, schlagen die Organisationen vor, die Mittel für humanitäre Hilfe im nächsten Bundeshaushalt von einer auf 2,8 Milliarden Euro aufzustocken. Gleichzeitig pochten sie darauf, dass Hilfe bedarfsorientiert, neutral und unabhängig bleiben muss – und nicht an Sicherheits-, Migrations- oder geopolitische Ziele geknüpft wird.
Der Bericht unterstreicht die Dringlichkeit eines inklusiveren und besser finanzierten Ansatzes in der Entwicklungspolitik. Ohne eine stärkere Einbindung lokaler Partner und eine klarere Strategie, so die Warnung der Organisationen, werden die aktuellen Reformen ihre Ziele verfehlen. Ihre Vorschläge zielen darauf ab, dass Hilfe sowohl wirksam ist als auch den Bedürfnissen derer entspricht, die sie unterstützen soll.
